Teure Astrolines?


Sag´ mir deine Telefonnummer und ich sage dir, wer du bist- so oder so ähnlich läuft es bei vielen Astrolines. Doch was verdienen Kartenleger hinter den Kulissen wirklich?


Realität trifft Esoterik

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Menschen, die offen betrachtet sehr konservativ sind, an übernatürliche, esoterische Dinge glauben. Es steht außer Frage, dass Esoterik existiert und die vielen verschiedenen magischen Arten funktionieren. Doch kaum ein Schnittpunkt ist größer zwischen der Realität und der Esoterik, wie ein Anruf bei einer Astroline. Dort rufen nicht nur Hausmänner- und frauen an, sondern auch Geschäftsleute- ein breitgefächertes Publikum eben.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass viele dieser Lines ihre Kunden abzocken. Die Berater- welche meist ein Gewerbe haben müssen, um überhaupt dort arbeiten zu dürfen- werden massiv unter Druck gesetzt, die Anrufer so lange wie möglich in einer Leitung zu halten. Schlaue Geschäftsmänner betonen dies mit dem Scheinargument, dass eine gute Beratung (sehr) lange dauern muss. Weniger fantastische Gründer von Esoterikportalen geben ganz offen zu, dass das Unternehmen (und damit auch man selbst) nicht viel verdient, wenn eben nicht viel und lange telefoniert wird.
Unter diesem Leistungsdruck können natürlich Fehler bei der Deutung geschehen. Dazu kommt noch, dass Kunden den Beratern weiteren Druck machen, da sie meist bis zu 2€ pro Minute zahlen müssen, um ihren Ratschlag zu erhalten.

Lösungsansätze für Lines

Ich verurteile nicht das System an sich- das Kartenlegen per Telefon auf einer Line- sondern die korrupten Menschen, die meist dahinterstehen. Esoterik ist eben kein Massengeschäft und Kartenlegen klappt nicht immer auf Abruf. Damit das Modell weiterhin funktioniert, müssen die schwarzen Schafe vom Markt verschwinden. Jene, die ihre Kunden abzocken und ihre Berater psychisch krank machen. Das gleicht einer Ironie, immerhin geht es bei Spiritualität und Esoterik eben darum, den irren Gesellschaftsdruck herauszunehmen- nicht darum, ihn zu verstärken. Sobald der Markt aufgeräumt ist, muss über neue Strategien nachgedacht werden. Dazu gehören auch Bezahlsysteme. Beraten über die Telefonrechnung ist out und treibt die Ratsuchenden in Schulden, was seit Jahrzehnten bekannt ist.
Manche Lines denken bereits um und lassen ihre Kunden ein Prepaidkonto anlegen, welches sie nach ihren Wünschen abtelefonieren können.

Lösungsansätze für Kunden

Nein, liebe Kunden, es ist keine schlechte Bewertung wert, wenn ein Berater mal keine Einschätzung zu einem Fall geben kann. Die Anrufer bei Astrolines müssen dringend umdenken: Kartenlegen ist entgegen der Werbung keine Massenware. Jedes Kartenbild wird individuell gelegt, es kann daher keine Garantie gegeben werden, dass der Kartenleger einen Ratschlag auf den Lippen hat. Wenn man nichts sieht, sieht man eben nichts. Schon gar nicht funktioniert die Lebensberatung, wenn Kunden "Schneller, schneller" in den Hörer brüllen- wir sind schließlich nicht beim Pferderennen und jeder Berater ist sich der Tatsache bewusst, dass der Kunde am Hörer gerade zwei Euro bezahlt. Zudem kommt es massiv auf den Anrufenden an, wenn er wenig über sich preisgibt und in den Hörer nuschelt, kann man die Zusammenhänge im Kartenbild eben nicht richtig interpretieren.

Generell müssen Menschen Leistungen und Preise mehr wertschätzen. Klar, es ist schön, ein paar Euro zu sparen- aber warum geht es immer ums Geld? Eine kleine Beratung für 250€ ist teuer, für 30€ in Ordnung, für 10€ billig und für 1,99€?
Darf ein Rat aus den Karten nicht teurer wie ein veganer Joghurt oder ein Paar neuer Kopfhörer sein? Dasselbe gilt selbstverständlich auch für E- Books und andere Dinge.
Wir sollten uns dringend über unsere missratene Preispolitik Gedanken machen!

Eine kleine Preisrechnung

1,99€ bei 10 Minuten Telefonberatung sind 19,99€. Das sind ein günstiges Paar Schuhe.
0,11€ bei 10 Minuten Telefonberatung sind 1,10€. Das sind weder Joghurt oder neue Kopfhörer. Von günstigen Schuhen kann man da nur träumen!

0,11€ sind nämlich das, was in der Regel so von den 1,99€ pro Minute für einen Berater übrig bleiben. Verständlicherweise müssen die Lines sich irgendwie finanzieren. Werbung, Gewerbe, kostenpflichtige Telefonnummern und Geschäftsräume müssen schließlich jeden Monat finanziert werden. Auch die Buchhaltung muss geschehen und die Software für Berater und Kunden störfrei gehalten werden. Ob 11 Cent nun für diejenigen angemessen sind, die stundenlang am Hörer sitzen und das System schultern, soll jeder für sich selbst entscheiden. Es gibt also auch hier Verbesserungspotential bei den Portalen.

Wer also über teure oder schlechte Berater meckert, sollte sich vielleicht mal vor dem Spiegel an die eigene Nase fassen. Geiz ist selten geil.

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